Von einer Panikattacke sprechen wir dann, wenn eine Person vollkommen unerwartet intensive körperliche Empfindungen erlebt, die so bedrohlich für sie sind, dass sie meint, dem Tode nahe zu sein, einen Herzinfarkt zu erleiden die Kontrolle zu verlieren, ohnmächtig oder verrückt zu werden. Die hervorstechenden Symptome sind Herzklopfen, Schwindel oder Benommenheit, Gefühl des Kontrollverlustes, der Atemnot, Brustschmerzen, Schwitzen, Zittern, Hitze oder Kälteschauer, Kribbeln in den Fingern usw. Da die körperlichen Symptome im Vordergrund stehen, kommen die Betroffenen zunächst gar nicht auf die Idee, dass es sich um ein Angstproblem handeln könnte. Rund die Hälfte aller Menschen erlebt im Laufe ihres Lebens eine solche Panikattacke; diese ist allerdings in der Regel von kurzer Dauer.

 

Die Merkmale einer Panikstörung sind erst dann gegeben, wenn diese Zustände wiederholt auftreten und zu einer deutlichen Beeinträchtigung des Betroffenen führen. Da Panikattacken typischerweise mit dem starken Drang verbunden sind, den Ort zu verlassen, an dem der Angstanfall auftritt, vermeiden viele Patienten Situationen, in denen eine Flucht schwierig oder peinlich sein könne. In diesem Fall spricht man von einer Panikstörung mit Agoraphobie.

 

Der Begriff der Agoraphobie war ursprünglich eine Bezeichnung für eine Angst vor weiten Plätzen, Menschenansammlungen usw.; gemeint ist heute eine allgemeine Angst einer Person, eine Situation nicht verlassen zu können, in Panik zu geraten oder Hilfe nicht schnell genug erreichen zu können. Patienten vermeiden sehr viele Situationen, die für sie eine Gefahr in diesem Sinne darstellen, zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel, Kaufhäuser, aber auch das Verlassen der eigenen, sicheren Räumlichkeiten. Sofern eine totale Vermeidung nicht möglich ist, werden die Situationen nur in Begleitung aufgesucht oder unter größtem Unbehagen bzw. der anhaltenden Besorgnis davor, eine weitere Panikattacke zu erleiden, durchgestanden. Diese „Angst vor der Angst“ gilt als besonders typisch für Agoraphobie.

 

Die Häufigkeit der Panikstörung liegt im Laufe eines Lebens bei etwa ein bis 3 % und die Häufigkeit der Agoraphobie bei 3-10 %. Frauen sind von Agoraphobie deutlich häufiger betroffen als Männer. Der Beginn der Störung liegt im Durchschnitt bei ca. 30 Jahren.

 

Möglichkeiten der Erklärung

 

Panikstörungen werden heute als Ergebnis eines sich aufschaukelten Prozesses erklärt: die Person nimmt körperliche Veränderungen wahr, bei denen es sich um normale Körpervorgänge handelt, die aber nicht mit dem richtigen Auslöser in Verbindung gebracht werden. Stattdessen werden sie als Anzeichen einer drohenden Gefahr interpretiert.

Ein Beispiel etwa wäre ein Mensch, der nach einem anstrengenden Tag plötzlich Schmerzen in der Brust verspürt, diese aber nicht auf Verspannungen der Rumpfmuskulatur  zurückführt, sondern eine Krankheit vermutet. Dadurch steigt der Herzschlag an, er kann nicht mehr richtig durchatmen. Er hat keine Erklärung für diese Symptome und bekommt Angst. Durch die Angst werden im Körper weitere Veränderungen ausgelöst z. B. Adrenalin-Ausschüttung. Ihm wird schwindlig und heiß, er beginnt zu schwitzen, hat das Gefühl gleich umzufallen. So gerät er in eine sich selbst verstärkende Spirale, den Teufelskreis der Angst: Körpersymptome führen zu angstvollen Gedanken und diese wiederum verstärken die Körpersymptome.

 

Agoraphobien sind nicht immer, aber meistens durch eine erste Panikattacke ausgelöst und werden dann durch die damit verbundene Vermeidung aufrechterhalten. Sicherheit vermittelnde Signale (wie Begleitpersonen oder Beruhigungsmittel) verhindern die Erfahrung der Bewältigbarkeit der Angst.

 

Ganz allgemein wird die Wahrscheinlichkeit an einer Angststörung zu leiden durch folgende Komponenten erhöht:

  • Durch eine gewisse genetische bzw. familiärer Belastung.
  • Durch eine spezielle Lerngeschichte (z. B.: Wurde in der Ursprungsfamilie körperlichen Erkrankungen viel Beachtung geschenkt? Wurden die Kranken besonders umsorgt und geschont?).
  • Durch belastende Lebensereignisse oder -umstände (z. B. Trennungen, Verluste oder chronische Ehekonflikte).

 

Möglichkeiten psychologischer Therapie

 

Basis der Behandlung von Panikstörungen ist die Vermittlung von Informationen, die die Panikanfälle erklären. Wie oben angedeutet wird dem Betroffenen erläutert wie sowohl spontan auftretende Anfälle als auch Angstreaktionen in den agoraphobischen Situationen das Ergebnis eines Teufelskreises aus individuell bedeutsamen körperlichen Empfindungen (z. B. Herzklopfen), Gedanken (Bewertung als Gefahr) und Verhalten (z. B. automatisiertes Luftanhalten, Vermeidung) sind. Die Fehlinterpretationen werden identifiziert und korrigiert. Darauf aufbauend werden Methoden eingeübt den Teufelskreis zu durchbrechen, indem man sich mit den kritischen Körpersymptomen bewusst konfrontiert und dadurch zu veränderten Bewertungen und Verhalten (z. B. Weiteratmen, Rumpfmuskeln entspannen können) gelangt.

 

Für die Behandlung von Agoraphobien stehen ebenfalls Strategien der Konfrontation mit den angstauslösenden Situationen im Vordergrund: Dabei suchte der Patient in Begleitung des Therapeuten die kritischen Situationen auf und provoziert bewusst seine Angst, um zu erleben, dass er keinen Herzinfarkt bekommt, ohnmächtig wird oder Ähnliches und seine Angst und Unruhe im Verlaufe der Übung abnimmt. Die Strategie wurde in der Verhaltenstherapie entwickelt und bedeutet eine Veränderung des Verhaltens (Abnahme der Vermeidung und Aufbau von Möglichkeiten der Bewältigung), der Gedanken (Veränderung der Bewertungen, z. B. des Gefühls der Gefahr und Hilflosigkeit) und von körperlichen Symptomen (z. B. Weiteratmen statt die Luft anzuhalten, eine Verringerung körperlicher Missempfindungen).

 

Die genannten therapeutischen Verfahren haben sich in einer Reihe von kontrollierten Studien als äußerst wirkungsvoll herausgestellt; dazu im Kontrast steht allerdings, dass nur ein Bruchteil der Betroffenen in eine adäquate Psychotherapie kommt. In der aktuellen Versorgungsrealität spielt deshalb die medikamentöse Versorgung ebenfalls eine wichtige Rolle.

 

   
© Psychotherapeutische Praxis Werner Hauer