Gefühle der Unsicherheit in neuen sozialen Situationen, vor allem im Zusammenhang mit besonderer Beachtung und Bewertung sind den meisten Menschen durchaus bekannt. Beispiele sind der Übertritt in eine neue Klassengemeinschaft, ein neuer Arbeitsplatz oder das Betreten eines Raumes, in dem sich bereits eine Gruppe von Personen befindet.

 

Beschreibung der Störung

 

Soziale Ängste („Phobien“) meinen die ausgeprägte und anhaltende Angst, in einer sozialen Situation von anderen Personen beobachtet und negativ bewertet zu werden, für ängstlich, schwach, dumm, ungeschickt oder nicht normal gehalten zu werden. Aus Angst vor Blamage vermeidet die Person solche Situationen (teilweise oder vollständig). Am häufigsten werden öffentliches Sprechen, aber auch gemeinsames Essen, Trinken oder beobachtetes Schreiben sowie öffentliche Veranstaltungen zu einer Quelle von Verunsicherung, Angst und Vermeidung.

 

Schüchternheit in sozialen Situationen und mit fremden Personen ist weit verbreitet; eine soziale Phobie ist erst dann gegeben, wenn die Vermeidung, Angst oder ängstliche Erwartungshaltung die berufliche Funktionsfähigkeit oder das soziale Leben der Person erheblich beeinträchtigen und sie stark unter der Problematik leidet.

 

Es ist grundsätzlich sinnvoll, eine soziale Angst folgende Ebenen zu unterscheiden:

 

  • Ebene des Verhaltens: Vermeidung und sozialer Rückzug oder Ertragen einer gefürchteten Situation unter intensiver Angst  etc.

 

  • Ebene der Gedanken: Gefühle und Gedanken der Blamage, der Demütigung und des Versagens usw.

 

  • körperliche Ebene: Schwitzen, Zittern, Erröten, Magen-Darm-Beschwerden usw.

 

Unter einer sozialen Angst leidet in den industrialisierten Ländern etwa ein bis  zwei Prozent der Bevölkerung, als Beginn gilt das frühe Erwachsenenalter (ca. 18. bis 20. Lebensjahr). Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen. Die Problematik ist in der Regel sehr stabil, der Bekanntenkreis der Betroffenen ist häufig klein und sie heiraten seltener.

 

Erklärungsmöglichkeiten

 

Für die Entstehung und Aufrechterhaltung wird in der klinischen Psychologie und Psychotherapie eine Kombination von unterschiedlichen Faktoren angenommen:

 

  • Vorausgehende Faktoren, d.h. die Übernahme von Mustern unsicheren und zurückgezogenen Verhaltens aus der Familie („Modelllernen“).

 

  • Als auslösende Faktoren gelten einmalige oder wiederholte Belastungen im Sinne von erlebter Blamage in einer sozialen Situation und ein damit verbundenes Gefühl von Unsicherheit.

 

  • Als zentraler aufrechterhaltender Faktor gilt ganz allgemein die Vermeidung von sozialen Situationen: Dadurch wird verhindert, dass neue Fertigkeiten gelernt und die Situation als bewältigbar erlebt wird. Eine besondere Schwierigkeit besteht auch darin, dass man in sozialen Situationen kaum je erfährt, was die anderen tatsächlich über einen denken und daher die Versagensbewertungen der Betroffenen nicht einfach zu korrigieren sind.

 

Möglichkeiten Psychologischer Therapie

 

Der wichtigste Schritt ist bereits getan, wenn ein Betroffener von sich aus zu einer Psychotherapie kommt, denn dabei durchbricht er das Muster der Vermeidung sozialer Situationen, in denen er möglicherweise abgewertet werden könnte. Viele Betroffene scheuen leider den Weg zur Therapie; die Selbstmedikation durch Alkohol oder andere Beruhigungsmittel wird dann oft zu einem besonderen Problem.

 

In der Therapie kann auf der Grundlage einer präzisen Beschreibung des Problems auf unterschiedlichen Ebenen und einer Klärung der Ziele des Betroffenen eine genaue Planung und Durchführung therapeutischer Maßnahmen erfolgen:

 

  • Durchbrechen der Vermeidungsstrategien, speziell auch Lernen von neuen Möglichkeiten der Bewältigung von sozialen Situationen. Hier gibt es in der Zwischenzeit gut bewährte Behandlungsprogramme, die – oft im Gruppen   – mit Erfolg durchgeführt werden. Gruppen bieten einen geschützten und wohlwollenden Rahmen um allgemein selbstsicheres Verhalten einzuüben. Der Betroffene kann sich mit den jeweils individuell schwierigen Situationen bewusst konfrontieren und erhält dabei ehrliche Rückmeldungen.

 

  • Veränderungen der oft automatisierten Denkmuster der Person („Ich kann nichts!“, „Alle schauen mich an und halten mich für dumm!“) im Sinne von neuen Bewertungen der eigenen Person.

 

  • Lernen, mit eigenen körperlichen Reaktionen (zum Beispiel Erröten, etc.) in zielführender Weise umzugehen (zum Beispiel Aufmerksamkeit davon weglenken, Methoden der Entspannung usw.).

 

Soziale Angst stellt durchaus eine Herausforderung für den Betroffenen und für Therapeuten dar: die Störung ist mit der jeweiligen sozialen Rolle und deren Bewertung eng verbunden (zum Beispiel die sich verändernde Rolle der Frau in der Gesellschaft). Das mag mit ein Grund dafür sein, dass die Besserungsraten in der Psychotherapie bei sozialen Phobien im Vergleich zu anderen Angststörungen nicht so optimistisch beurteilt werden.

 

   
© Psychotherapeutische Praxis Werner Hauer