Die Angst vor Brücken, Höhen, Spinnen, Hunden, AIDS, usw.

 

Das Gefühl der Angst ist ein normaler Bestandteil des Lebens. Es ist ein genauso grundlegendes Gefühl wie z. B. Wut, Trauer oder Freude. Ängste treten in der Regel dann auf, wenn wir uns durch etwas bedroht fühlen. Durch die „normale, gesunde Angst“ wird der Körper vor etwas „gewarnt“ und in einen Zustand versetzt, der es ihm ermöglicht, die bedrohliche Situation zu bewältigen. Die Angst kann jedoch ein solches Ausmaß annehmen, dass sich der positive Effekt von Angst ins Gegenteil umdreht. Dann kann sich eine so genannte Angststörung entwickeln. Zu diesen Angststörungen gehört die spezifische Phobie.

 

Was ist eine spezifische Phobie?

 

Unter einer spezifischen Phobie versteht man die Angst vor einzelnen, genau beschreibbaren Objekten oder einzelnen abgrenzbaren Situationen. Dazu gehört zum Beispiel

 

  • die Angst vor bestimmten Tieren (Hunde, Spinnen, Schlangen, etc.),

 

  • Die Angst vor bestimmten Umweltphänomenen (Höhe, Tiefe, Wasser, Stürme, Gewitter, etc.),

 

  • Die Angst beim Anblick von Blut/Verletzung oder bei der Gabe einer Injektion oder bei anderen medizinischen Eingriffen,

 

  • die Angst in speziellen Situationen (engen Räumen, Fahrstuhl, Tunnel, Brücken, fliegen, etc.),

 

  • die Angst vor Infektionen, Krankheiten (AIDS, Krebs, BSE, etc.).

 

Beispiel: Frau H., 35 Jahre alt, ist mit zehn Jahren von einem Hund in die Hand gebissen worden. Sie hat zwar keine größeren Verletzungen davon getragen, hat aber seit dem Angst vor Hunden. Wenn Sie auf der Straße einen Hund sieht, fängt ihr Herz wie wild zu schlagen an, ihre Hände werden ganz schwitzig und sie hat das Gefühl, ihre Beine nicht mehr zu spüren. Deswegen wechselt sie sofort die Straßenseite, wenn ihr ein Hund entgegenkommt. Sie hat sich jetzt zu einer Therapie entschieden, weil vor einem Jahr im Nachbarhaus eine Familie mit Hund eingezogen ist. Seitdem bestimmt die Angst vor Hunden ihr Leben. Sie traut sich nicht mehr, sich in ihren Garten zu setzen oder das Haus zu verlassen.

 

Wann wird aus einer normalen Angst eine spezifische Phobie?

 

 Ängste werden zur spezifischen Phobien, wenn ...

 

  • ...die Angst vor dem spezifischen Objekt (z.B. Hund) oder der spezifischen Situation (z. B. Höhe) nicht angemessen ist, d.h. übertrieben oder unbegründet ist;

 

  • ...die Person im Prinzip weiß, dass ihre Angst übertrieben oder unbegründet ist;

 

  • ...die Konfrontation bzw. Auseinandersetzung mit dem spezifischen Objekt oder der spezifischen Situation bzw. schon die Erwartung einer Konfrontation eine Angstreaktion (körperliche Symptome z. B. Zittern, Herzklopfen, Schwitzen) hervorruft;

 

  • ...die angstauslösenden Situationen oder Objekte vermieden werden;

 

  • ...die Ängste über eine längere Zeit andauern (d.h. mindestens sechs Monate).

 

Patienten mit spezifischen Phobien können üblicherweise problemlos ihr Leben gestalten. Es gibt aber auch spezifische Phobien, die das Alltagsleben erheblich beeinträchtigen und daher zu massivem Leiden führen können. In solchen Fällen spricht man von klinisch bedeutsamen, d.h. behandlungsbedürftigen spezifischen Phobien.

 

Wie viele Menschen leiden unter einer spezifischen Phobie?

 

Phobien gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. Es ist davon auszugehen, dass ungefähr 10 % der Bevölkerung unter spezifischen Phobien leidet. In Deutschland sind damit ca. 7 Millionen Menschen betroffen. Der Anteil der Frauen liegt bei 90 bis 95 %.

 

Wie entstehen spezifische Phobien?

 

Spezifische Phobien beginnen häufig bereits in der Kindheit. Auslöser für Phobien können belastende Erfahrungen und damit verbundene Lernprozesse sein (z. B.: Hundebiss als Ursache für Angst und Vermeidung von Hunden). Hinzu kommen sicherlich eine genetische bzw. stammesgeschichtliche Komponente (als der Mensch noch in Höhlen lebte, war es wichtig, sich in Acht zu nehmen vor Objekten, die sich schnell bewegen, wie zum Beispiel Spinnen, Schlangen). Als weitere wichtige Bedingungen müssen gedankliche Prozesse, d.h. falsche oder verzerrte Informationen angeführt werden (z. B. Informationen über die Gefährlichkeit von Hunden; Zeitungsberichte über HIV-Infektionen etc.). Die Vermittlung über Modelle bzw. Vorbildern, d.h. die Beobachtung ängstlichen Verhaltens in spezifischen Situationen stellt eine weitere wichtige Ursache von Phobien dar (ein Kind beobachtet z. B., wie seine Mutter vor einer Spinne flieht und entwickelt daher selbst Angst vor Spinnen). In der Regel wirken einige oder alle genannten Faktoren bei der Entstehung von Phobien zusammen.

 

Wie kann man eine spezifische Phobie behandeln?

 

Bei Phobien haben sich verhaltenstherapeutische Ansätze als erfolgsreichste Behandlungsmethode herausgestellt: Es ist zunächst unerlässlich, dass eine (schrittweise) Konfrontation mit der phobischen Situation erfolgt. Dies bedeutet, dass sich die Person mit Hilfe eines Therapeuten wieder mit der von ihr besonders gefürchteten Situation auseinander setzen sollte, bis sie deren Ungefährlichkeit erlebt (bzw. sich wieder daran gewöhnt; sie bewältigt hat).

 

Während der Konfrontation sollte die Person keinesfalls auf die üblichen Vermeidungsstrategien zurück greifen (z. B. Ein Beruhigungsmedikament einnehmen; die Spinne von einer anderen Person entfernen lassen, etc.). Dieses Vermeidungsverhalten stellt die bisherige Reaktion auf angstbesetzte Objekte oder engen umschriebenen Situationen dar. Nur wenn diese alte Reaktion verhindert und eine neue Reaktion erlernt werden kann, die darauf abzielt, sich dem Objekt oder der Situation zu stellen, ist eine erfolgreiche Behandlung möglich.

 

Neben dem Prinzip der Konfrontation spielen bei der Behandlung spezifischer Phobien auch die Vermittlung von Informationen (z. B. die tatsächliche Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes) und das Lernen am Modell (z. B. bei der Behandlung einer Tierphobie eines Kindes) eine wichtige Rolle.

 

   
© Psychotherapeutische Praxis Werner Hauer