Somatoforme Störungen   -   Was ist das?

 

Bei manchen körperlichen Beschwerden kann auch nach vielen Versuchen der Abklärung durch verschiedene Ärzte keine Erkrankung eines körperlichen Organs festgestellt werden. Einige dieser „unklaren" körperlichen Beschwerden verschwinden von selbst wieder; andere bleiben bestehen. Diese unklaren körperlichen Beschwerden können sehr unangenehm und schmerzhaft sein und das ganze Leben beeinträchtigen. Mit der Hoffnung nach einer Erklärung und Hilfe begeben sich viele Patienten auf eine Odyssee von Hausarzt zu Facharzt, von Heilpraktiker zu Homöopathen  – ohne entscheidende Besserung.

 

Die Beschwerden können alle Körperteile betreffen: Schmerzen im Rücken, Gelenken, Kopf oder Bauch, Schwindel, Übelkeit, Blähungen, Herz- und Atembeschwerden, Lähmungen, Seh- oder Hörprobleme und viele andere Beschwerden können auftreten, ohne dass körperliche Schäden feststellbar sind.

 

Solche unklaren körperlichen Beschwerden können Begleiterscheinungen anderer körperlicher oder psychischer Erkrankungen (z. B. Angst, Depression) sein, aber auch ohne diese auftreten. Man bezeichnet sie dann als „Somatoforme“ Störungen". Es gibt noch viele weitere Begriffe (manche beziehen sich dabei auf das betroffene Körperteil, welches Beschwerden bereitet). Einige Begriffe sind im Folgenden aufgeführt:

Funktionelle Beschwerden – Reizmagen/Reizdarm – Psychosomatische Beschwerden – Somatisierte Depression – Prämenstruelles Syndrom – chronisches Erschöpfungssyndrom – Neurasthenie – Schmerzstörung – (eine Unterform der) Fibromyalgie – Multiple chemische Sensitivität – Herzphobie – Globus hystericus etc.

 

Zu den Somatoformen Störungen zählen auch Ängste vor einer schweren Erkrankung, die der Arzt möglicherweise übersehen haben könnte. Andere Patienten fühlen sich übermäßig hässlich und entstellt. Ungefähr 11 % der Bevölkerung leidet unter diesen somatoformen Störungen.

 

Viele Patienten haben Sorge, dass die Beschwerden lebensbedrohlich sind oder sich nach vielen Jahren in schwere körperliche Erkrankungen umwandeln könnten. Beides ist nicht der Fall: Weder die Lebenserwartung noch die Anzahl schwerer körperlicher Erkrankungen unterscheidet sich bei Personen mit somatoformen Störungen von der Durchschnittsbevölkerung.

 

Beispiel: Herr S berichtet, dass er in seiner Kindheit die schweren Krankheiten einiger Verwandten hautnah mitbekommen hatte. In seinem Elternhaus war es aber tabu, negative Gefühle wie Angst oder Ärger auszudrücken. Als seine Frau sich scheiden lassen wollte und gleichzeitig die beruflichen Belastungen immer stärker anstiegen, traten eines Tages ein Schwindel und Taubheitsgefühle in den Händen auf. Der von ihm konsultierte Hausarzt versicherte ihm nach längerer Untersuchung, dass er organisch gesund sei, was Herrn S aber nur kurzfristig beruhigen konnte. Aus Angst vor dem Auftreten von Schwächeanfällen fing er an, jede körperliche Anstrengung zu vermeiden. Als er eine Reportage über eine seltene Krankheit im Fernsehen sah, konnte er weitere Symptome wiedererkennen. Eine Jahre andauernde Odyssee an Arztbesuchen konnte keine Abhilfe schaffen; eher durch Zufall gelangte er zu einem Psychotherapeuten.

 

Wie entstehen somatoforme Beschwerden?

 

Bei Somatoformen Störungen liegt keine Erkrankung des Körpers, sondern eine Störung in der Wahrnehmung von Körperprozessen vor. Normal funktionierende Körperprozesse werden so wahrgenommen, als ob sie krank wären.

 

Versuchen Sie sich einmal in entspannter Haltung auf einen Stuhl zu setzen und machen sie die Augen zu. Konzentrieren Sie sich zuerst 5 Minuten auf ihr Gesäß und ihre Oberschenkel. Achten Sie darauf, wie sie die Sitzfläche berühren, spüren Sie den Druck. Vielleicht merken Sie, wie sich Ihre Sitzknochen auf den Stuhl drücken.

Lenken Sie jetzt für 5 Minuten Ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihren Kehlkopf. Achten Sie darauf, wie der Kehlkopf sich direkt nach dem Schlucken anfühlt vielleicht auch so, als sei er im Weg oder stark angeschwollen.

 

Unsere Aufmerksamkeit ist hier wie ein Scheinwerfer, der bestimmte Sinnen Eindrücke intensivieren oder verschwinden lassen kann.

 

Wie kommt es zu einer Störung der Wahrnehmung?

 

  • Stress und Belastungen aller Art können zur vorübergehenden körperlichen Missempfindungen wie Muskelanspannungen, Herzklopfen, etc. führen. Auch körperliche Inaktivität, schlechter Schlaf oder falsche Informationen über Krankheiten aus den Medien können Auslöser des folgenden Teufelskreislaufs sein.

 

  • Diese körperlichen Missempfindungen werden für Anzeichen einer körperlichen Erkrankung gehalten. Dadurch vergrößert sich die Aufmerksamkeit auf die bedrohlichen Symptome, was diese aber wiederum verstärkt!

 

  •  Um die bedrohlichen Symptome abzuklären, werden viele Ärzte aufgesucht und Medikamente eingenommen. Das bestätigt die Annahme „Wer zum Arzt geht, der muss auch krank sein!“ Starke körperliche Schonung führt wiederum zu einem verminderten Trainingszustand und zu weiteren Missempfindungen.

 

Teufelskreis somatoformer Störungen

 

 

 

Die Behandlung von somatoformen Beschwerden

 

Es ist natürlich sinnvoll, beim Auftreten körperlicher Beschwerden zunächst eine sorgfältige medizinische Untersuchung vorzunehmen. Wenn nach ausführlicher Diagnostik eine körperliche Erkrankung aber ausgeschlossen werden kann, macht es wenig Sinn, lange Zeit weiter danach zu suchen – der oben beschriebene Teufelskreis somatoformen Störungen würde vielmehr angestoßen.

 

Manche Beschwerden verschwinden nach kurzer Zeit von selbst wieder, u.a. wenn man keine Gelegenheit hat, darüber nachzudenken. Entspannung (z. B. progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training als eine Form von Selbsthypnose), körperliche Aktivität (trotz möglicherweise kurzfristiger Verschlechterung der Symptome), das nachgehen von interessanten Hobbys, kurz: alles, was die Gedanken von den Beschwerden Weg lenkt, z. B. auch die Planung eines Urlaubs, können zur Verbesserung beitragen. Der behandelnde Arzt sollte zudem nicht mehr dann aufgesucht werden, wenn die Beschwerden besonders schlimm sind, sondern zu ausgemachten, fixen Terminen; so lässt sich eine Verstärkung der Symptome verhindern.

Verschwinden die Beschwerden auch nach Wochen und Monaten nicht, ist es sinnvoll, eine Behandlung durch einen Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen. Folgende Punkte stehen im Mittelpunkt einer kognitiven Verhaltenstherapie, einem Verfahren, das sich als ausgesprochen wirkungsvoll erwiesen hat:

 

  •  Suche nach neuen Einflussmöglichkeiten auf die Beschwerden.

 

  • Systematischer Aufbau von Entspannung, Genuss und körperlichem Wohlbefinden.

 

  •  Abbau von Schonverhalten und Krankheitsängsten.

 

  •  Stressbewältigung.

 

  •  Koordination mit dem behandelnden Arzt.
   
© Psychotherapeutische Praxis Werner Hauer