Wenn die Seele nach einem Trauma nicht mehr ins Gleichgewicht findet

 

Etwas mehr als die Hälfte aller Menschen sind mindestens einmal in ihrem Leben einem extrem belastenden Ereignis oder einer Situation außergewöhnlicher Bedrohung ausgesetzt. Diese Erlebnisse werden als Trauma bezeichnet. Beispiele hierfür sind zum Beispiel Terroranschläge, Verkehrsunfälle, Vergewaltigung, Brände, Krieg, Folter, Naturkatastrophen, eine plötzlich auftretende lebensbedrohliche Erkrankung. Menschen, die solche Erfahrungen machen müssen, reagieren mit einer tiefen Verstörung, einer intensiven Furcht und Hilflosigkeit. Diese Reaktionen sind ganz normal. Erst wenn es zu Spätfolgen kommt, d.h. die seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen mit der Zeit nicht verschwinden, wird von einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gesprochen.

 

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?

 

Eine PTBS liegt vor, wenn sich nach einem traumatischen Erlebnis folgende Symptome einstellen und nicht wieder von alleine verschwinden:

 

  • Das unausweichliche Erinnern oder Wiedererleben des traumatischen Ereignisses im Gedächtnis, Tagträumen oder Träumen (die betroffene Person glaubt, sie befindet sich wieder unmittelbar an der traumatischen Situation),

 

  • die Vermeidung von Aktivitäten und/oder Situationen, die mit dem Trauma verbunden sind oder daran erinnern könnten,

 

  • das anhaltende Gefühl von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit, der Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen und der Umgebung,

 

  • das Vorliegen einer ständigen vegetativen Übererregtheit (Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Wutausbrüche, Konzentrationsstörungen).

 

Beispiel: Herr H. war vor zwei Monaten in einem schweren Autounfall verwickelt. Auf dem Weg zur Arbeit ist vor ihm auf der Autobahn ein Lkw ins Schlingern geraten und hat sich quer gestellt, so dass die unmittelbar folgenden Autos in ihn hineingefahren sind. Herr H konnte noch rechtzeitig bremsen. Er stieg aus und half den verunglückten Autofahrern. Die Bilder der verunglückten Menschen gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er träumt nachts von Ihnen und wacht dann voller Panik auf. Selbst tagsüber hört er manchmal die Schreie der eingeklemmt Menschen. Er kann sich seitdem auch nicht mehr in ein Auto setzen. Ständig hat er den Geruch von Benzin in der Nase. Beim kleinsten Geräusch zuckt er zusammen.

 

Wann treten Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf und wie ist ihr Verlauf? 

 

In den meisten Fällen zeigen sich die Symptome einer PTBS unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis. Nur in ca. 10 % der Fälle kommt es zu einem um Wochen bis Monate verzögerten Beginn. Körperliche und seelische Reaktionen, die nur ein paar Stunden oder wenige Tage anhalten, werden als akute Belastungsreaktion bezeichnet. Bleiben die Symptome über einen Monat bestehen, spricht man von einer PTPS. Bei ca. 50 % der Betroffenen verschwinden die Symptome innerhalb eines Jahres nach dem traumatischen Erlebnis auch ohne Behandlung. Ungefähr ein Drittel der Opfer eines Traumas entwickelt chronischen Symptome.

 

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Folgen vieler Traumata auch unspezifisch sind: Traumata führen zu einer Beeinträchtigung des komplexen Systems des menschlichen Verhaltens auf allen Ebenen (d.h. auf der Verhaltens-, der gedanklichen und der körperlichen Ebene). Deshalb sind als kurz- und langfristige Folgen von Traumata nicht nur PTBS, sondern oft ein breites Spektrum an psychischen Störungen zu beobachten (z.B. Ängste, Depressionen, Schlafstörungen, Essstörungen usw.).

 

Wie viele Menschen leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung?

 

Es ist davon auszugehen, dass ungefähr 10 % der weiblichen und 5 % der männlichen Bevölkerung unter einer PTBS leiden. In Deutschland sind damit ca. 7 Millionen Frauen und ca. 3 ½ Millionen Männer von einer PTBS betroffen.

 

Warum entwickelt jemand eine posttraumatische Belastungsstörung und der andere nicht?

 

Bei bei der Entstehung einer PTBS scheinen nach aktuellem wissenschaftlichen Stand mehrere Faktoren eine Rolle zu spielen.

 

  • Eine PTBS tritt zum Beispiel dann auf, wenn der Betroffene das Trauma nicht mehr als vergangenes Ereignis einordnen kann und daher die Welt nach dem Trauma als prinzipiell gefährlich und unberechenbar einschätzt, d.h. sein Vertrauen in die Welt grundlegend erschüttert ist.

 

  • Ein weiterer Faktor für die Auslösung einer PTBS scheint das bruchstückhafte und ungeordnete Abspeichern des Traumas im Gedächtnis zu sein. Das Trauma kann nicht mit anderen Gedächtnisinhalten verbunden werden und führt daher zu dem sich ungewollt aufdrängenden Wiedererleben von Bruchstücken des Traumas. Dies wiederum löst die gleichen Eindrücke und Körperempfindungen aus, die während des Traumas erlebt wurden.

 

  • Des weiteren scheint die verständliche Reaktion, an das Trauma erinnernde Gedanken, Gefühle, Orte, Personen oder Gegenstände zu vermeiden, die Wahrscheinlichkeit für eine PTBS zu erhöhen. Kurzfristig wird hierdurch das Erleben der Angst zwar verhindert, langfristig aber auch die Erfahrung, dass nicht wieder eine traumatische Situation eintritt. Somit wird die notwendige Umstrukturierung des Gedächtnisses blockiert und der Bewegungsspielraum des Betroffenen immer mehr eingeengt.

 

Wie kann man eine posttraumatische Belastungsstörung behandeln?

 

Es ist ganz wichtig, den betroffenen Personen zu Beginn einer Therapie verständlich zu machen, dass ihre intensiven und nicht steuerbaren körperlichen und seelischen Veränderungen verständliche und normale Reaktionen auf das Trauma sind. Im Schutzrahmen einer Psychotherapie erfolgt dann eine behutsame Auseinandersetzung mit dem traumatischen Erlebnis. Dies ist notwendig, um das Traumagedächtnis zu vertiefen und mit anderen Gedächtnisinhalten zu verbinden, damit das Trauma als vergangenes Ereignis im Gedächtnis integriert werden kann. Ein weiterer Schritt ist, die durch das Trauma verzerrte Sicht von der Welt (als ständig gefährlich und jederzeit bedrohlich) zu relativieren. Es ist ebenso notwendig, dass die betroffenen Verhaltensweisen, von denen sie sich fälschlicherweise Kontrolle der wahrgenommenen Bedrohung und PTBS-Symptome erhoffen, wieder aufgeben. In der Therapie wird erarbeitet, wie man in Zukunft mit dem sich aufdrängenden Wiedererleben des Traumas umgehen und sein Leben zurück erobern kann.

   
© Psychotherapeutische Praxis Werner Hauer