Viele Gewohnheiten und Rituale sind Bestandteile unseres Lebens; sie erleichtern uns den Ablauf des Alltags, indem triviale Entscheidungen nicht jeweils neu getroffen werden müssen. Davon zu unterscheiden sind Zwangsstörungen, die für Betroffene und Angehörige eine enorme Belastung darstellen.

 

Beschreibung von Zwangsstörungen

 

Für das vorliegen von Zwangsstörungen gelten folgende Kriterien:

 

  • die Person leidet unter einem inneren Drang, bestimmte Inhalte zu denken oder zu tun.

 

  • Die Person leistet einen Widerstand gegen den Impuls.

 

  • Die Person erkennt den Impuls als sinnlos.

 

  • Die Person erlebt eine deutliche Einschränkung in ihrem Lebensvollzug.

 

Beispiel: Herr B. leidet unter dem Gedanken, er könnte sich beim Verlassen des Hauses verschmutzt haben. Beim Betreten des Hauses legt er alle Kleider ab, begibt sich sofort in die Dusche, wäscht alle Kleider und reinigt den Fußboden. Auch seine Familie wird in die Rituale einbezogen. Sie müssen sich ebenfalls duschen oder zumindest waschen, wenn sie von draußen kommen. Die seit Jahren bestehende Problematik führt zu einer immer deutlicheren Einschränkung, Herr B. verlässt das Haus immer seltener und isoliert sich zusehends.

 

Als Hauptformen von Zwängen werden unterschieden

 

  • Waschzwänge (siehe Beispiel oben),

 

  • Kontrollzwänge, und

 

  • gedankliche Zwänge.

 

Die einzelnen Formen treten in der Regel in Kombination auf.

 

Bis vor ca. 20 Jahren ging man davon aus, bei der Zwangsstörung handle es sich um eine sehr seltene Störung; nach verschiedenen Erhebungen muss man heute von einer Häufigkeit von rund 1 bis 1 1/2 Prozent ausgehen, in Deutschland sind damit bis zu 1 Million Personen betroffen.

 

Entstehung und Aufrechterhaltung

 

Die genauen Umstände der Entstehung müssen – wie bei vielen Erkrankungen – als ungeklärt bezeichnet werden. Es sind aber einige Faktoren bekannt, die eine Entstehung begünstigen, im Einzelfall handelt es sich zumeist um eine Kombination dieser Faktoren, nämlich ...

 

  • genetische Faktoren (z. B. familiäre Häufung),

 

  • Aspekte der Verunsicherung bei Übergängen in der biografischen Entwicklung,

 

  • Merkmale der Bewertung von Gedanken und Handlungen.

 

Bei Zwangsstörungen ist vor allem die Stabilität der Störung auffällig, deshalb muss man der Aufrechterhaltung besonderes Augenmerk schenken. Hier spielt vor allem der genannte Aspekt der Bewertung eines erstmalig auftretenden Gedankens eine entscheidende Rolle:

 

Der aufdringliche Gedanke (1) ist Bestandteil des normalen Denkprozesses; ein bestimmter Gedanke wird in besonderer Weise bewertet (2) und führt bei der Person zu deutlicher Angst und Unruhe (3), die durch ein Ritual (4) reduziert und damit sofort verstärkt wird. Dieses Ritual wird in der Fachsprache als „Neutralisieren“ bezeichnet; es bildet eine entscheidende Grundlage für die Stabilität der Problematik, weil die Person zum einen sofort Beruhigung erlebt und zum anderen kann die Person die Ungefährlichkeit des aufdringlichen Gedankens in keinem Fall erleben.

 

Prinzipien psychologischer Therapie

 

Ein entscheidender erster Schritt in der Therapie ist die Aufklärung des Betroffenen über seine Problematik („Plausibles Modell“). Das stellt die Grundlage für die darauf folgenden unverzichtbaren Schritte der Behandlung dar: im Prinzip geht es um das Lernen, dass auch bei Unterlassen des Rituals nicht die vom Patienten erwartete „Katastrophe“ eintreten wird. Der oder Impuls ist zwar sehr unangenehm, er klingt nach einer gewissen Zeit aber ab, wenn der Patient – zumeist mithilfe des Therapeuten – das Ritual unterlässt.

 

Folgende Punkte in der Therapie von Zwangsstörungen erscheinen unverzichtbar:

  • Durchführung der Therapie in der häuslichen Situation des Patienten,
  • Hilfe für den Patienten in der Veränderung von Bewertungen (z. B. Schuld),
  • Auf- und Ausbau von „gesunden“ Alternativen zur Problematik, z. B. Im Bereich interpersonaler Beziehungen, Selbstsicherheit, Freizeit usw.

 

Die Chancen der Besserung liegen nach heutigem Stand bei 70-80 % nach einer Verhaltenstherapie, langfristig ist mit einer Besserung von etwas mehr als 50 % auszugehen.

 

Auch nach einer erfolgreichen Therapie benötigen Betroffene manchmal eine fachliche Unterstützung: In einzelnen Auffrischungssitzungen kann man als Therapeut zur langfristigen Besserung und Stabilisierung beitragen.

 

Ein entscheidendes Element ist neben der Motivation des Betroffenen auch der erste Schritt, im System der Versorgung einen kompetenten Verhaltenstherapeuten zu finden, der mit der Problematik gut vertraut ist und den Patienten in seinen Bemühungen unterstützt.

 

 

Zusätzliche Informationen erhalten Sie unter:

 

Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen  http://www.zwaenge.de

 

   
© Psychotherapeutische Praxis Werner Hauer